EIN-Wahl
(Artikel Frank Bertram) Vor der Bürgermeister-Direktwahl am kommenden Sonntag (13. September) dürfte dies das einzige Format gewesen sein, bei dem alle drei in Einbeck für das Amt zugelassenen Kandidierenden gemeinsam zu erleben waren: EIN-Wahl, eine von der Kinder- und Jugendarbeit der Stadt Einbeck mit einem ehrenamtlichen Projektteam für Youtube produzierte Sendung mit Fragen vor allem von Jugendlichen an die Kandidatin und die Kandidaten, die die Nachfolge von Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek antreten wollen. In der Multifunktionshalle standen am Sonnabend Antje Sölter (CDU), René Kopka (SPD) und Omid Najafi (AfD) vor den Kameras und gaben Auskunft. Moderatorin war Olga von Petersson.
Was beschäftigt junge Menschen in Einbeck und was möchten sie von den Kandidierenden für das Bürgermeisteramt wissen? Seit März war das ehrenamtliche Projektteam von EIN-Wahl an der Goetheschule und der IGS unterwegs, um mit den Jugendlichen der Oberstufe bzw. der Abschlussklassen konkrete Fragen an die Kandidierenden für das Bürgermeisteramt zu entwickeln. Aus den gesammelten Themen wurden diejenigen ausgewählt, die den Kandidierenden als möglichst konkrete Frage gestellt wurden. Welche Frage wer bekam, das wurde per Zufallsgenerator entschieden.
In vier Fragerunden und drei Schnellfragerunden antworteten die drei Kandidierenden auf Themen wie Mobilität ebenso wie Angebote für Jugendliche, Sicherheit für Kinder an Schienenstrecken, Arbeitsplätze, sozialer Wohnraum oder Innenstadtbelebung. Aber auch die unsaubere Stadt und der viele Müll kamen zur Sprache, genauso der seit Monaten viele Anwohner der Kernstadt nervende Geruch aus der Stadtentwässerung.
Dabei konnten sich auch die beiden anderen Kandidaten in die an einen Bewerber gestellte Frage per Einwände einschalten und ihre Sicht schildern. Wie lange die Antworten dauern durften, wie viele Sekunden für die Einwände blieben – dieses und weiteres war in klaren Regeln zuvor festgelegt und transparent erläutert und von allen akzeptiert worden – und wurde durchgehend von den Beteiligten eingehalten. So entstand ein TV-Format, das gut Auskunft gibt über die Sichtweisen der drei Kandidierenden zu den angesprochenen Themen. Natürlich wurden alle drei auch als Person vorgestellt, bekamen Fragen zur Führungsfähigkeit gestellt oder gefragt, wie sie bei Terminnot oder Konflikten entscheiden.
In der Spitze waren rund 160 Geräte bei der Live-Sendung am Sonnabend Abend eingeschaltet, bis zum Sonntag Abend (06.09.2026, 19 Uhr) hatten insgesamt mehr als 1900 Geräte auf die Aufzeichnung zugegriffen, die weiterhin bei Youtube abrufbar ist (hier). Produziert wurde die Sendung von einem 15-köpfigen Team, von dem außer den zwei städtischen Mitarbeitern der Multifunktionshalle alle ehrenamtlich in den verschiedenen Aufgaben mitwirkten: Kamera, Licht, Ton, Regie, Redaktion, Catering, Maske – alles war professionell organisiert. Eine Woche lang war in vielen Stunden Arbeit die „Multi“ in ein großes TV-Studio verwandelt worden, war die Sendung akribisch vorbereitet worden. Jeder der drei Kandidierenden konnte zur Live-Sendung/Aufzeichnung Begleitung mitbringen, die dann Backstage die Sendung verfolgen konnte. René Kopkas Ehefrau Julia war ebenso dabei wie CDU-Fraktionschef Dirk Ebrecht, zeitweilig auch Antje Sölters Tochter Louisa. Omid Najafi war allein gekommen.
Mein Fazit: Das war ein hochprofessionelles TV-Format mit souveräner Moderatorin, welches das engagierte Team da in der Multifunktionshalle produziert hat. Und die drei Kandidierenden antworteten TV-gerecht in die Kameras. Leider kam bei diesem Frage-Antwort-Spiel keine wirkliche Diskussion auf, schon gar keine kontroverse. Das ist sicherlich ein wenig den starren Regularien zu verdanken, die sich das EIN-Wahl-Team gegeben hatte. Vielleicht wäre es beim (hoffentlich!) nächsten Mal mal eine spannende Erweiterung, wenn in der Halle ein Live-Publikum zugelassen wird, das reagiert und interagieren darf. Dann wirken vielleicht Fragen und Antworten auch weniger klinisch, weil mehr Emotion im Spiel sein kann (nicht muss). Dass ohne Publikum produziert wurde, hat mit der Entstehung von EIN-Wahl zu tun, das zu Corona-Zeiten und Versammlungsverboten erstmals auf Sendung ging. Sicherlich war es 2026 ein wenig dem Auftraggeber Stadt Einbeck geschuldet, aber ein wenig irritierend war es anfangs schon, dass viele Minuten die Amtsinhaberin die drei Kandidaten abfragen durfte, nachdem sie selbst zum Start der Sendung minutenlang so etwas wie eine Kurz-Bilanz ihrer fast 14-jährigen Bürgermeisterin-Zeit vorgelegt hatte. Schließlich ist Dr. Sabine Michalek die Gemeindewahlleiterin, die bis dato tunlichst darauf geachtet hatte, sich aus Gründen der Neutralität nicht in den Wahlkampf einzuschalten. Und die drei Kandidierenden? Wirkliche Überraschungen gab es in der Sendung nicht. Die Zuschauer bekamen ein recht gutes Bild der in Einbeck lebenden Bewerber. Während René Kopka und Antje Sölter in den lokalen Themen sicher waren, nur wenige inhaltliche Unterschiede erkennbar wurden und sie sich nur kleinere inhaltliche Schwächen erlaubten (die E-Ladesäulen entstehen an Hullerser Mauer und Breil), war der Hannoveraner Omid Najafi schon nach wenigen Minuten beim Thema Radwege geografisch nicht sattelfest. Natürlich ist der Haushalt die Kommunalpolitik in Zahlen und ohne Geld zwischen Daumen und Zeigefinger alles nichts, aber der AfD-Mann kam einmal zuviel mit seinen Bedenken, dass vieles nicht finanzierbar sei und warf der Verwaltung und Ratspolitik sogar vor, den Doppelhaushalt gerade im Bereich der Gewerbesteuereinnahmen mit „gezinkten Karten“ aufgestellt zu haben, ohne offenbar die Hintergründe zu kennen. Nach einer Stunde Sendung kam Najafi außerdem beim Thema Wirtschaft ins peinliche Straucheln (KWS schreibt rote Zahlen?) und gefiel sich (bezeichnenderweise beim Thema Inklusion) in der Opferrolle, weil der AfD angeblich in Einbeck Räume verwehrt würden und er angeblich zu anderen Foren nicht eingeladen worden sei (es gab schlicht keine).
Fotos Frank Bertram



